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CSR in Armenien
CSR in Armenien – eine Annäherung
Wer an Armenien denkt, denkt vielleicht an den biblischen Ararat und weite Gebirgslandschaften oder an Jahrhunderte alte Klöster und Kirchen oder an die traditionsreiche wie leidvolle Geschichte des armenischen Volkes. Wenig bekannt ist: in dem kleinen Land im Südkaukasus spielt auch Corporate Social Responsibility (CSR) eine Rolle. Auch wenn sich die Diskussion zu CSR noch deutlich auf der Ebene des karitativen Engagements bewegt, tut sich etwas in den Köpfen von Unternehmens- und NGO-Vertretern sowie bei Politik und Gesellschaft
CSR Verständnis und Stellenwert: "shame and honor"
Das CSR Verständnis in Armenien ist maßgeblich geprägt durch kulturelle und religiöse Werte sowie durch die wirtschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre. Armenien erhob als erster Staat der Welt im Jahr 301 das Christentum zur Staatsreligion. Christliche Werte wie Gleichheit und Großzügigkeit gehören zu den wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Miteinander. "Armenian culture and values are based mostly on the notions of "shame and honor" rather than on those of "right and wrong", erklärt Sevak Amalyan, Koordinator des Global Compact Netzwerks in Armenien, im Namen der UNDP. (siehe auch Interview in der rechten Marginalspalte)
Die armenische Wirtschaft sieht vor diesem Hintergrund CSR sehr stark mit philanthropischen Aktivitäten verknüpft. Die Mehrheit der KMUs betrachtet CSR nach wie vor skeptisch und assoziiert damit PR-Maßnahmen großer Unternehmen. Unternehmen, die CSR bereits als eine strategische Managementaufgabe verstehen sind noch selten. Meist handelt es sich hierbei um Unternehmen mit ausländischer Beteiligung, die ihre CSR-Maßnahmen und Aktivitäten nicht richtig an die Öffentlichkeit kommunizieren. Dies führt dazu, dass auch in der Medienberichterstattung der Fokus auf Unternehmen liegt, die sich ausschließlich über karitative und philanthropische Projekte gesellschaftlich engagieren.
Zwar ist der Wirtschaftssektor in Armenien im Großen und Ganzen offen für neue Ideen. Dennoch fehlt den meisten Unternehmen das Verständnis, welchen Beitrag sie mittels mehr nachhaltigem Wirtschaften zur Lösung der drängenden gesellschaftlichen Probleme im Land leisten können (wie z.B. für den Schutz Armeniens als Biodiversity Hot Spot) und welchen ökonomischen Nutzen sie dadurch für sich selbst generieren könnten. Dies bestätigt auch Ralph Yirikian, General Manager des Konzerns VivaCell MTS: "… the lack of awareness of the CSR concept is a major obstacle on implementing a full fledge CSR strategy". (siehe Interview in der rechten Marginalspalte).
Seitens der armenischen Regierung erfolgen erste Schritte, das Bewusstsein für mehr gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen im lokalen Markt zu fördern. Mit der Durchführung diverser Wirtschaftsreformen bemühte sie sich in jüngster Zeit das Investitionsklima zu verbessern und Unternehmen als Motor für eine nachhaltige Entwicklung zu gewinnen. Ein Fokus liegt dabei auf der Förderung von Investitionen in Forschung und Entwicklung. Mit Hilfe eines „Research and Innovation Strategic Plan“ möchte die Regierung gezielt Branchen wie IT- und Kommunikationstechnologien, Ernährungssicherheit sowie Umwelt und Energie unterstützen.
Was die Rolle der Zivilgesellschaft anbetrifft, so ist trotz einer Vielzahl von NGOs der Einfluss von non-profit Organisationen – sei es als Kooperations- oder als Konfrontationspartner für Unternehmen – sehr begrenzt. Ihre Aktivitäten sind mit wenigen Ausnahmen häufig sporadischer und kurzfristiger Natur.
Armenien heute
Armenien, das so groß ist wie Brandenburg, grenzt im Norden an Georgien und im Süden an den Iran und beheimatet etwa drei Millionen Menschen. Die Republik ist seit September 1991 von der ehemaligen Sowjetunion unabhängig. 1988 wurde das Land durch ein verheerendes Erdbeben getroffen, was im Zusammenhang mit dem seit 1991 schwelenden Nachbarschaftskonflikt mit Aserbaidschan auch die Wirtschaft weitgehend zum Erliegen brachte. Seit 1994 hat Armenien seine Wirtschaft konsequent liberalisiert und verzeichnete bis zum Eintritt der Wirtschaftskrise solide Wachstumsraten. In 2007 lagen diese bei 14 %.
Trotz kontinuierlichem Wachstum traf die weltweite Wirtschaftskrise die armenische Wirtschaft hart und führte zu einem Einbruch von Rücküberweisungen, Direktinvestitionen und privaten Kapitalzuflüssen. Wie viele Länder mit einer konfliktbehafteten Geschichte ist auch Armenien ein Land mit zwei Gesichtern: Zwei Drittel der rund 10 Millionen Armenier leben außerhalb des Landes und stützen mit ihren jährlichen Überweisungen die Volkswirtschaft des Landes. Einer der Gründe hierfür sind die Auswirkungen der Krise in Russland. Die armenische Diaspora dort umfasste bislang bis zu ca. 2 Millionen Menschen. Nach Informationen der Zentralbank soll das Volumen der Geldtransfers allein aus der Russischen Föderation von 60,17 Mio. USD im Januar 2008 um 28% auf 43,58 Mio. USD im Januar 2009 gefallen sein. Insgesamt kam es von Januar bis August 2009 zu einem Absinken der privaten Überweisungen um 40%. (Quelle Auswärtiges Amt http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/Armenien/Wirtschaft.html).
Grundsätzlich gibt es in Armenien viele Herausforderungen, mit denen Unternehmen vor Ort umzugehen haben. Dazu zählen das Misstrauen gegenüber staatlichen und privaten Akteuren, das Fehlen von Rechtsstaatlichkeit und die Instabilität demokratischer Strukturen, die das freie Funktionieren des Marktes verhindern (mehr Details hierzu im Armenien-Länderbericht des Bertelsmann-Transformation-Index).
Handlungsfelder für Unternehmen
"Hajastan" nennen die Armenier ihr Land. Armenien ist auch über ein Jahrzehnt nach der Trennung von der Sowjetunion noch immer im Umbruch begriffen und hat mit vielen sozialen und ökologischen Problemen zu kämpfen. Für Unternehmen eröffnet sich hier die Möglichkeit, über philanthropische Maßnahmen hinaus einen Beitrag zur Lösung dieser Probleme zu leisten und gleichzeitig ihr Ansehen in der armenischen Gesellschaft zu stärken.
Armut auf dem Land
Obwohl die Wirtschaft sich in den letzten Jahren positiv entwickelte, haben sich die Lebensverhältnisse der armen Bevölkerung kaum verbessert. Hierfür spricht auch, dass Armenien seit dem 1.1.1994 als Entwicklungsland klassifiziert ist. Die Weltbank stuft das Land mit einem BIP von ca. 870 US $ pro Kopf (Jahresdurchschnitt 2003, Berechnung mit ca. 3 Mio. Einwohnern) in die Gruppe der Niedrigeinkommensländer ein. Das positive Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre konzentrierte sich auf die Hauptstadt Eriwan. In Eriwan und in anderen urbanen Zentren des Landes lassen sich gut ausgebildete Fachkräfte finden, insbesondere in den Bereichen IT, Energie und Telekommunikation. Aufgrund knapper Budgets fehlen aber auch in den Städten teilweise Mittel für Lehrmaterialien und Ausstattung, Gebäudereparaturen, Heizkosten etc.
Demgegenüber leben in weiten Teilen des Landes immer noch fast ein Drittel der Einwohner unterhalb der Armutsgrenze. Gerade im ländlichen Armenien fehlt es an Infrastrukturleistungen, an Zugang zu Wasser und Strom sowie an Bildungs- und Gesundheitsleistungen.
Neben dem Problem großer sozialer Ungleichheiten zwischen Stadt und Land, wird der Kampf gegen die Armut durch die vorhandene Polarisierung zwischen den politischen Eliten und der breiten Bevölkerung weiter erschwert. Dabei ist es der kleinen ökonomisch-mächtigen Elite des Landes gelungen, in die Politik einzudringen, was Korruption, oligarchische Strukturen und Wirtschaftsmonopole begünstigt. Dies führte zu einem massiven Vertrauensverlust in die Funktionsfähigkeit staatlicher Institutionen sowie in die Geschäftspraxis von Unternehmen.
Jedoch versucht die Regierung erste Schritte im Kampf gegen die Armut vorzunehmen. Darunter fallen die angestrebten Reformen in der Bankbranche und im öffentlichen Sektor sowie die Regulierung des Handels. Dadurch soll der wachsenden Schere der Einkommensverteilung entgegengewirkt werden (mehr unter: UNDP Armenien).
Korruption und Misswirtschaft
Laut Transparency International hat sich die Korruption in Armenien im Jahr 2009 weiter verfestigt. Im Gegensatz zum Nachbarland Georgien war hier seit 2003 ein Stillstand zu beobachten. Jedoch darf Korruption im armenischen Kontext nicht nur als Bestechung verstanden werden. Vielmehr geht diese auch mit Wahlbetrug, Monopolbildung, Oligarchie, Menschenrechtsverletzungen und politischer Korruption einher.
Korruption und finanzielle Misswirtschaft sind zwei Hauptursachen für die nach wie vor hohe Armut. Internationale Finanzorganisationen wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank drängen Eriwan seit langem, dieses Problem ernsthaft anzugehen. Doch scheint es keine einfache Lösung für die Beseitigung der Schattenwirtschaft zu geben, die immerhin etwa denselben Umfang hat wie das gesamte Bruttoinlandsprodukt (BIP) Armeniens, nämlich 3,4 Milliarden US-Dollar.
Die Regierung scheint unfähig und unwillig zu sein, politische und wirtschaftliche Transformationsprozesse in Gang zu setzen. Unfähig, weil sie aufgrund mangelnden Vertrauens seitens der Bevölkerung unter einem Legitimitätsdefizit leidet. Unwillig, da die sporadische Antikorruptionspolitik das Fehlen ernsthafter politischer Bemühungen vermissen lässt (mehr unter: TI Armenien).
Biodiversity Hotspot in Gefahr
Auch steckte der verantwortungsvolle Umgang mit natürlichen Ressourcen hinter dem Wirtschaftswachstum der letzten Jahre zurück und das, obwohl sich die Region durch einen immensen Artenreichtum auszeichnet. So wird der Südkaukasus von internationalen Organisationen wie dem WWF als sogenannter „Biodiversity Hotspot“ klassifiziert und steht damit auf gleicher Stufe wie der Amazonas. Doch die außergewöhnliche Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, die Armenien, das „Land der Steine“, vorweist sind durch die politischen Auseinandersetzungen der Region und die wirtschaftliche Situation des Landes bedroht: Verschmutzung der Ressourcen Wasser und Luft durch den rücksichtslosen Abbau von Kupfer, Gold, Uran und anderen Bodenschätzen, illegales Jagen und Raubbau bedrohter Pflanzen sowie massive Rodung zur Brennholzgewinnung gehören zu den größten Bedrohungen von Fauna und Flora.
Die armenische Regierung hat in den letzten Jahren gezeigt, dass sie die Wichtigkeit der Umweltproblematik erkannt hat. Aus diesem Grund genießen Bereiche wie nachhaltige Ressourcennutzung, bessere Wasserqualität sowie Vermeidung von Bodenerosion nun eine größere Aufmerksamkeit. Jedoch ist es unwahrscheinlich, dass der armenische Staat diesen Herausforderungen im Alleingang begegnen kann. Vielmehr müssten internationale Projekte mit öffentlichen und privaten Akteuren im Fokus einer Strategie für nachhaltige Entwicklung stehen. Beispielhaft hierfür ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Südkaukasus unter der Führung von GTZ-Experten zur Erhaltung der regionalen Tier- und Pflanzenvielfalt. Dabei werden Strategien zur nachhaltigen Ressourcennutzung und zum Erhalt der Ökosysteme entwickelt und implementiert (mehr unter: GTZ Armenien).
Kulturelles Erbe zwischen Asien und Europa
Armenien befindet sich zwischen dem europäischen und dem asiatischen Kulturraum. Dennoch sieht sich Armenien – das als erster Staat der Welt im Jahr 301 das Christentum zur Staatsreligion erhob – in erster Linie als europäische Kulturnation. Zeugen der Jahrtausende alten christlichen Geschichte des Landes sind die zahlreichen Kirchen, Klöster und Kreuzsteine, die das Gesicht des Landes prägen. Am heiligen Berg Ararat soll der armenischen Legende nach einst die Arche Noah festgemacht haben.
Auf Grund der geschichtlichen und territorialen Entwicklung befinden sich viele der Denkmäler nicht mehr auf dem heutigen Staatsterritorium, das nur noch etwa ein Zehntel vom „Historischen Armenien“ ausmacht. Gerade auf den Gebieten, die heute zur Türkei und zu Aserbaidschan gehören, wurde der Großteil des armenischen Kulturerbes zerstört, was in Armenien bis heute für Empörung sorgt.
Nichtsdestotrotz scheinen die Probleme im Umgang mit dem kulturellen Erbe im Landesinneren zu liegen. Trotz vermehrter Regulierungsbemühungen ist die einzigartige Natur- und Kulturlandschaft in Gefahr. Ein Grund hierfür ist die auch in Armenien zunehmende Ökonomisierung jeglicher Lebensbereiche, welche oft mit der Gleichgültigkeit gegenüber dem Natur- und Kulturerbe einhergeht. Zudem mangelt es gerade bei der jüngeren Generation in Armenien an Bewusstsein für die kulturellen Zeugnisse des Landes. Die Foundation for the Preservation of Wildlife and Cultural Assets in the Republic of Armenia (FPWC) hat sich deshalb beispielhaft zum Ziel gesetzt, Jugendliche über Medien-, Umwelt- und Kulturerziehung das ökologische wie kulturelle Erbe des Landes schätzen und schützen zu lernen (mehr unter: FPWC).
Interviews
Interview mit Sevak Amalyan, Koordinator des Global Compact Netzwerks in Armenien
Interview mit Ralph Yirikian, General Manager des Konzerns VivaCell-MTS
Weiterführende Links
- Auswaertiges Amt Länderdaten Armenien
- Biodiversity Hotspots
- Corruption Perceptions Index 2009
- Deutsch-Armenische Gesellschaft
- Foundation for the Preservation of Wildlife and Cultural Assets in the Republic of Armenia” (FPWC)
- Global Compact Armenia
- ProCredit-Armenia Bank. ProCredit bank is a development-oriented full service bank focusing on lending to very small, small, and medium-sized enterprises
- Sunchild Environmental Festival Armenia
- Transparency International Anti-Corruption Center Armenia
- UNDP Armenien
- VivaCell MTS
