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Unternehmensverantwortung in Konfliktregionen
Unternehmensverantwortung in Konfliktregionen
Zunehmend investieren – auch deutsche – Unternehmen in Konfliktregionen oder werden an Standorten im Ausland mit dem Ausbruch von Gewalt konfrontiert. Zum Vergleich: Die weltweiten Wirtschaftsinvestitionen in Entwicklungs- und Schwellenländern stiegen von 62 Mrd. US$ im Jahr 1999 auf 225,8 Mrd. US$ im Jahr 2000. Im gleichen Zeitraum waren rund 40 dieser Länder von Bürgerkriegen, der inzwischen häufigsten Form gewaltsamer Konflikte, betroffen. Die Frage nach der Rolle und Verantwortung von Unternehmen in Konfliktregionen wird demnach immer wichtiger – sowohl aus gesellschaftlicher Sicht für die Sicherung des Friedens als auch aus betrieblicher Sicht für die Absicherung des Geschäfts.
Erfahren Sie auf den folgenden Seiten und in den nebenstehenden Interviews mehr über die komplexen Herausforderungen, vor die Unternehmen in Konfliktregionen gestellt werden.
Direkte und indirekte Kosten des Konflikts
Schon die indirekten Kosten von Konflikten, die dadurch bei Unternehmen anfallen, sind beachtlich. Infolge des fehlenden rechtsstaatlichen Rahmens verschlechtern sich die Investitionsbedingungen: Besitzstände werden nicht länger garantiert; qualifizierte Arbeitskräfte wandern ab; es finden sich weniger Kooperationspartner; die Unterstützungsleistungen nationaler Regierungen und internationaler Organisationen versiegen.
Auch direkt ist der Wirtschaftssektor betroffen: neben geringerer Produktionskapazitäten sind auch Anschläge auf die Produktionsstätten und Infrastruktur ausländischer Firmen, und selbst die Entführung von Mitarbeitern keine Seltenheit mehr, so dass aufgrund der wachsenden Bedrohung erhöhte Ausgaben für Versicherungen und entsprechend qualifizierte Sicherheitsdienste sowie gerichtliche Kosten veranschlagt werden müssen.
So ermittelte die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (www.gtz.de) exemplarisch, dass 83% der Unternehmen in Kolumbien bis zu 5% ihrer Gewinne für Sicherheit ausgeben (Befragung unter 1.113 Unternehmen verschiedener Groessen und Branchen im Zeitraum von Februar bis Juli 2006).
Schätzungen zufolge belaufen sich die direkten volkswirtschaftlichen Kosten des Konflikts in Kolumbien auf zwischen 1,5% und 4,5% des jährlichen Bruttosozialproduktes. (IBLF, 2006) Die Weltbank schätzt, wenn in Kolumbien bereits vor 20 Jahren ein Friedensprozess erreicht worden wäre, wäre das durchschnittliche Einkommen eines Kolumbianers heute 50% höher und schätzungsweise mehr als 2,5 Millionen Kinder würden oberhalb der Armutsgrenze leben (World Bank, 2004).
Die hohen direkten und indirekten Kosten von Konflikten machen deutlich: Obwohl Unternehmen in Konfliktregionen von der Weltöffentlichkeit vor allem als Kriegstreiber und Profiteure der Gewalt wahrgenommen werden, hat die deutliche Mehrheit von ihnen ein genuines Interesse an stabilen Investitionsbedingungen, wie sie nur zu Friedenszeiten gegeben sind. Denn: „Den Konflikt zu ignorieren stellt ein unternehmerisches Risiko dar“, betonen auch Alexandra Ospina Giraldo und Peter Hauschnik von der GTZ. Anders formuliert ist die Prävention von Konflikten sowie eine konfliktsensitive Unternehmensführung mit dem Ziel, negative Auswirkungen vom Konflikt auf das Unternehmen und umgekehrt möglichst gering zu halten, ein klarer „business case“ für Unternehmen.
„Frieden durch Handel“ kann nicht alles sein
Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen in Konfliktregion wird oft auf die simple Formel „Frieden durch Handel“ reduziert, nach der eine florierende Wirtschaft zu einer friedlichen Gesellschaft führt. In der Tat trägt ein gesunder Wirtschaftssektor viel zu einer stabilen Gesellschaft bei, die mit sozialen, ethnischen oder religiösen Spannungen konstruktiv, also friedlich umgeht. So betont auch Moira Feil, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, dass die Wiederherstellung dauerhaften Friedens in Post-Konfliktgebieten ohne privatwirtschaftliches Engagement nicht denkbar wäre.
Wenn Konflikte jedoch gewaltsam ausgetragen werden, reicht der Verweis auf die wirtschaftliche Betätigung als Stabilisator nicht mehr aus. Eine friedliche Gesellschaft und ein gesunder Wirtschaftssektor bedingen sich gegenseitig, so dass umgekehrt in Konfliktregionen schon das reine Aufrechterhalten des Tagesgeschäfts zur Herausforderung wird. Und auch, wenn es vor diesem Hintergrund vielleicht auf den ersten Blick vermessen scheint, von Unternehmen eine darüber hinausgehende Verantwortung zu erwarten, ist es laut Peter Hauschnik von der GTZ in Kolumbien „möglich, gerade diese Verantwortung im ureigensten Interesse zu übernehmen“. Dabei geht es nicht primär darum, zusätzliche Ressourcen für ein Engagement aufzubringen. Die Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und Konflikt sind so vielfältig wie unumgänglich und kein Unternehmen kann sich aus diesem Kontext lösen. Der verantwortliche Beitrag eines Unternehmens in einer Konfliktregion liegt daher vielmehr in einem „konfliktsensitiven Management“ des Unternehmens und in der Interaktion und Kooperation mit anderen privaten oder öffentlichen Akteuren für friedensfördernde Maßnahmen wie z.B. die Integration ausgegrenzter Bevölkerungsgruppen ins Arbeitsleben.
Unternehmen müssen konfliktsensitiv handeln
Unternehmensverantwortung in Konfliktregionen drückt sich in erster Linie in einer konfliktsensitiven Unternehmensführung aus. Dies bedeutet, die Unternehmensführung derart auszugestalten, dass negative Auswirkungen vom Konflikt auf das Unternehmen und umgekehrt möglichst gering gehalten werden. „Do no harm” ist dabei ein zentrales Prinzip, wie auch Diana Klein von International Alert weiß: “Companies should at the minimum reduce the negative impact they are having on the conflict. This they can do by better understanding the context; how it affects them; and how they affect it in turn”. Die besondere Verantwortung von Unternehmen in Konfliktregionen besteht somit zuallererst darin, ihr eigenes Konfliktpotential zu erkennen und Maßnahmen zu ergreifen, um dieses zu minimieren.
Dies betont auch Dr. Mathias John von Amnesty International (AI) : „Ein Unternehmen, das unvorbereitet in einer Konfliktzone tätig wird, läuft sehr schnell Gefahr, unter wirtschaftlichen Druck zu geraten, vereinnahmt zu werden oder auch selber als Partei im Konflikt zu agieren. Aus unserer Sicht ist es daher nötig, dass ein Unternehmen vor allen Investitionen in Konfliktzonen eine sehr sorgfältige Risikoanalyse durchführt, die sich nicht nur auf wirtschaftliche Entscheidungskriterien stützt, sondern eben auch das gesamte Konfliktumfeld und dabei insbesondere die Menschenrechtssituation und die Auswirkungen der geplanten Aktivitäten auf dieses Umfeld berücksichtigt.“
Ausdruck des konfliktsensitiven Umgangs von Unternehmen sind freiwillige Instrumente wie z.B. die „Freiwilligen Grundsätze zur Wahrung der Sicherheit und der Menschenrechte“ - die gemeinsam zwischen der Erdölindustrie, Regierungsvertretern einiger Staaten und Vertretern wichtiger Nichtregierungsorganisationen entwickelt wurden und die „Extractive Industries Transparancy Initiative“ (EITI) - zur Verbesserung der Transparenz in der Rohstoffindustrie.
Auch das Beispiel des Kimberley Prozess zeigt, dass der unternehmerische Beitrag zur Konfliktbewältigung häufig die Kooperation mit zivilgesellschaftlichen und öffentlichen Akteuren erfordert. Diese gemeinsame Initiative von Regierungen, Industrie und Zivilgesellschaft, hat zum Ziel, den Verkauf und die Verbreitung von Konfliktdiamanten (Blutdiamanten) zu stoppen.
Beispiel Blutdiamanten
Auch wenn nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen ökonomische Faktoren selten der direkte Auslöser von Konflikten sind, können die Aktivitäten von Unternehmen allerdings (auch unintendiert) zu deren Verschärfung oder Intensivierung, also zu einer Eskalation der Gewalt beitragen. So löste der Handel mit sog. Konfliktdiamanten, durch den Rebellengruppen in Sierra Leone, Angola, Liberia und der demokratischen Republik Kongo ihre gewaltsamen Auseinandersetzungen mit ihren Regierungen finanzierten, weltweit Entrüstungsstürme aus. Der daraufhin einberufene Kimberley Prozess (http://www.kimberleyprocess.com) und das aus ihm resultierende Zertifizierungssystem für Rohdiamanten belegen jedoch ebenso eindrucksvoll, dass staatliche und wirtschaftliche Akteure gemeinsam einen substanziellen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Probleme leisten können.
Interviews
Interview mit Diana Klein, International Alert (englisch)
Interview mit Peter Hauschnik und Alexandra Ospina Giraldo (GTZ) zum Friedenspreis für Unternehmer in Kolumbien (deutsch)
Interview mit Moira Feil, Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), zur Rolle von Unternehmen in Konfliktregionen (deutsch)
Interview mit Dr. Mathias John, Amnesty International (deutsch)
Weiterführende Links
- Amnesty International
- Extractive Industries Transparency Initiative (EITI)
- GTZ Friedenspreis für Unternehmer
- GTZ Programm Friedensentwicklung durch Förderung der Zusammenarbeit zwischen Staat und Zivilgesellschaft (deutsch)
- GTZ Programm Friedensentwicklung durch Förderung der Zusammenarbeit zwischen Staat und Zivilgesellschaft (spanisch)
- Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung
- Human Rights and Business Project
- International Alert
- Kimberley Process
- UN Global Compact Business in Conflict
- UN Global Compact – Business and Peace
- Voluntary Principles on Security and Human Rights
Weiterführende Studien
- International Alert 2009: Conflict-sensitive business practice: guidance for extractive industries. Alert’s methodology , PDF 925 KB
- International Alert/Fafo 2008: Red Flags: Liability risks for companies in high-risk zones, PDF 142 KB
- International Alert (o.J.): Strengthening the economic dimensions of peacebuilding. Project overview, key issues and recommendations, PDF 95 KB
- Explorando el dividendo de la paz:Percepción de los impactos del conflicto armado en el sector privado colombiano. Resultados de una encuesta nacional, PDF 884 KB
