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Tunesien
CSR-Stellenwert
Tunesien wird mit einem nominellen Pro-Kopf-Einkommen von 3.907 USD (2008) zu den Ländern mittleren Einkommens gerechnet. Der tunesische Staat hat viele Programme zur Armutsbekämpfung, Beschäftigungs- und Bildungsförderung sowie zur Gesundheitsversorgung aufgesetzt, die in den letzten Jahrzehnten einen gewissen Ausgleich von regionalen und sozialen Wohlfahrtsunterschieden erreicht haben.
Die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch Unternehmen ist über die Einhaltung gesetzlicher Mindeststandards hinaus in Tunesien bislang kein sehr präsentes Thema, da Themen wie Bildung und Armutsbekämpfung erfolgreich von staatlicher Seite umgesetzt werden. Staat und Gesellschaft fordern keine speziellen CSR-Maßnahmen von Unternehmen.
Trotzdem haben in den letzten Jahren mehr und mehr ausländische und tunesischn exportorientierte Unternehmen freiwillig soziale Anforderungen und Umweltbelange in ihre Geschäftsprozesse integriert. Dies geschieht jedoch meist nicht strategisch geplant oder aus philanthropischen Erwägungen heraus, sondern auf Forderungen der Mutterkonzerne oder von internationalen Kunden hin. Markenhersteller kontrollieren zum Schutz ihrer eignen Reputation, dass ihre Zulieferer nicht nur gesetzliche Umwelt- und Sozialstandards einhalten, sondern auch einen Beitrag zum Beispiel zur Gesundheitsvorsorge oder Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter leisten.
CSR-Verständnis
Politik und Gesellschaft erwarten von Unternehmen im Allgemeinen, dass sie profitabel wirtschaften und mit ihren Produkten der Gesellschaft dienen.
Erwartung an Unternehmen
Die Erwartungen von Politik und Gesellschaft an deutsche Unternehmen in Tunesien beziehen sich vorrangig auf Berufsbildung, die Schaffung sicherer Arbeitsplätze und Umweltschutz.
Die Einhaltung von gesetzlich geforderten Sozialstandards in deutschen Unternehmen wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Im Bereich der beruflichen Ausbildung wird erwartet, dass Ausbildungspraktiken in Anlehnung an das deutsche duale Ausbildungssystem übernommen und somit hohe Standards in der beruflichen Bildung erreicht werden. Kontinuierliche Weiterbildungen sollen die Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeiter garantieren. Darüber hinaus wird staatlicherseits ein Engagement der Unternehmen zur qualitativen Verbesserung des Berufsbildungssystems als wünschenswert angesehen, etwa durch durch Mitarbeit in Gremien oder Erfahrungsaustausch.
Beim Umweltschutz besteht die Erwartung an deutsche Unternehmen, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen und gute Praktiken aus Deutschland auch in Tunesien anwenden. Davon verspricht man sich Nachahmungseffekte und Zugang zu Know-how beispielsweise bei Energieeinsparungen, Anwendung erneuerbarer Energien oder Wertstoffrecycling.
Regelmäßige Zuwendungen und Spenden der Unternehmen zur Förderung der nationalen Entwicklung etwa im Rahmen des nationalen Solidaritätsfonds „26-26“ werden erwartet. Der Fonds, der auf freiwilligen Spenden beruht, finanziert Infrastruktur wie Straßen, Gesundheitszentren und Schulen in benachteiligten Gebieten. Punktuell unterstützen deutsche Unternehmen auch lokale karitative Initiativen an ihren Standorten.
Rahmenbedingungen
Staatliche Regulierungen - Umsetzung übergeordneter Referenztexte
ILO
Tunesien hat alle 8 ILO-Kernarbeitsnormen ratifiziert und diese Normen relativ gut im tunesischen Arbeitsrecht verankert.
Die Umsetzung einiger Normen entspricht jedoch nicht den internationalen Standards. Insbesondere zu nennen sind:
- Die gewerkschaftsfeindliche Haltung in der Privatwirtschaft.
- Die durch das Erziehungsministerium verhängten Einschränkungen beim Streikrecht von Lehrern.
- Die wiederholte Störung der Arbeit der Journalistengewerkschaft „Syndicat National des Journalistes Tunisiens” (SNJT).
- Das polizeiliche Vorgehen (2004 – 2006) gegen Mitglieder der früheren Journalistengewerkschaft „Syndicat des Journalistes Tunisiens“ (SJT).
- Die Verhaftungen und die Polizeigewalt gegenüber nicht-akkreditierten Gewerkschaftern und Demonstranten anlässlich des UGTT-Kongresses 2006 in Monastir sowie die ausstehende Anerkennung der Gewerkschaft Confédération Générale Tunisienne du Travail.
Quelle: FES-Tunesien, 2009
Wirtschaftsinitiativen - CSR-Instrumente der Wirtschaft
GLOBAL COMPACT-Netzwerk
Das lokale Netzwerk wurde im September 2005 gegründet und hat 37 Mitglieder (Stand 05/2010).
Ansprechpartner vor Ort / Network Focal Point
Herr Mohammed Ennaceur
social.consult (at) planet (dot) tn
http://www.unglobalcompact.org/NetworksAroundTheWorld/
local_network_sheet/TN.html
Handlungsfelder
Armut
Eckdaten
- Durchschnittliche Lebenserwartung: Gesamtbevölkerung: 75,8 Jahre, Männer: 74 Jahre, Frauen: 77,7 Jahre (2009 est.)
- Säuglingssterblichkeitsrate: Gesamt: 22,6 Todesfälle/1.000 Geburten, Jungen: 24,8 Todesfälle /1.000 Geburten, Mädchen: 20,2 Todesfälle /1.000 Geburten (2009 est.)
- Unterernährung von Kindern unter 5 Jahren: 4% (2005)
- Zugang zu sauberem Wasser: 94% (2006)
- Zugang zu sanitären Einrichtungen: 85% (2006)
- Human Poverty Index: Rang 65 von 108 (2009)
- Gini Index: 40 (2004)
- Bevölkerung unter der nationalen Armutsgrenze: 3,8% (2005 est.)
Tunesien hat in den letzten Jahrzehnte große Fortschritte bei der Armutsbekämpfung gemacht. Nur noch 3,8 Prozent der Bevölkerung leben unter der nationalen Armutsgrenze. 1985 waren es noch 11,5 Prozent. Der tunesische Staat hat mit Maßnahmen der Regionalentwicklung und Wirtschaftsförderung diese positive Entwicklung erreicht. Insgesamt ist Tunesien mit einem nominellen Pro-Kopf-Einkommen von 3.907 USD (2008) ein Land im mittleren Einkommenssegment.
Unternehmensbeispiele
Ökolandwirtschaft und Aufbau eines nachhaltigen Tourismusangebots im Südwesten Tunesiens
Im Rahmen von zwei Public Private Partnership Projekten unterstützten die GTZ und das deutsch-schweizerische Handelsunternehmen Vita Terra die Qualifizierung von 120 Dattelbauern im strukturschwachen Südwesten Tunesiens. Durch die Etablierung biologischer Anbau- und Erntemethoden sowie die Einführung eines Qualitätsmanagementsystems erhalten sie bessere Absatzmöglichkeiten und höhere Preise. Die Bauern im niederschlagsarmen Süden des Landes sind besonders von den Folgen des Klimawandels betroffen. In einem zweiten Projekt soll durch den Aufbau einer Öko-Pension und von Besucherprogrammen den Bauernfamilien zusätzliche Einkommensmöglichkeiten entstehen und damit das Risiko aufgrund zunehmender Trockenheit in den Oasen gemindert werden.
www.vitaterra.com
Förderung von IT-Existenzgründungen
Siemens Tunisia ist einer der größten Technologieanbieter im tunesischen Markt: jeder zweite Telefonanruf wird mit Siemens-Technik getätigt. Ein wichtiger Erfolgsfaktor der Geschäftstätigkeit sind gut ausgebildete Ingenieure und Techniker auch in Managementfunktionen, um komplexe Lösungen zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten zu können. Siemens fördert neben der Aus- und Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter aktiv Unternehmensausgründungen junger Nachwuchskräfte im IT-Bereich, um so die Qualität vor- und nachgelagerter Dienstleistungen positiv zu beeinflussen. Durch eine Ausgründung zur Entwicklung von prepaid Softwarelösungen entstanden so beispielsweise 70 neue Arbeitsplätze.
http://www.siemens.com.tn/
Ein Problem bleibt die hohe Arbeitslosigkeit von Jugendlichen und Hochschulabsolventen, die in manchen Regionen 50 Prozent beträgt. Auch die allgemeine Arbeitslosenquote ist mit rund 15 Prozent relativ hoch. Armutsbekämpfung kann daher vor allem durch Beschäftigungsförderung erfolgen, was auch im Interesse der Migrationspolitik der EU ist. Unternehmen können Beschäftigung beispielsweise durch folgende Maßnahmen fördern:
- Deutsche Unternehmen können durch Standortwahl in strukturschwachen Gebieten Beschäftigung schaffen.
- Die Einbindung von tunesischen Lieferanten etwa in der Agrar- oder der Wollproduktion schafft Arbeitsplätze.
- Die Ausrichtung auf europäische und internationale Kunden verlangt von tunesischen Unternehmen Investitionen in Qualitätssicherungssysteme, die nachhaltigen Erfolg am Markt sichern und damit dauerhaft Beschäftigung garantieren. Deutsche Firmen können die branchenspezifische Entwicklung von Qualitätssicherungssystemen unterstützen.
- 4. Die Erschließung neuer „grüner“ Wirtschaftssektoren wie Ökotourismus oder erneuerbaren Energien kann einen Beitrag zur Beschäftigung leisten.
Akteure
ANETI, Agence Nationale pour l’Emploi et le Travail Indépendant
Staatliche tunesische Arbeitsagentur, die Arbeitsplätze vermittelt und Existenzgründer unterstützt.
www.emploi.nat.tn
Banque Tunisienne de Solidarité
Staatliche Bank zur Förderung von Existenzgründern und Vergabe von Mikrokrediten
www.bts.com.tn
Enda inter-arabe
Tunesische Mikrofinanzinstitution. Seit 1995 wurden von der NGO 178.000 Familien mit über 500.000 Kleinkrediten unterstützt.
http://www.endarabe.org.tn/
Bildung
Die tunesische Regierung gibt rund 20 Prozent ihre Budgets für Bildung aus und hat damit ein relativ gutes Schulsystem aufgebaut. Die kostenlose Schulbildung ist verpflichtend für Kinder zwischen 6 und 16 Jahren.
Eckdaten
- Öffentliche Ausgaben für Bildung und Erziehung (Anteil am BIP): 7,3% (2006)
- Schulpflicht: 6 – 16 Jahre
- Einschulungsquote: 96% der Jungen, 97% der Mädchen (2003-2008)
- Alphabetisierung (Definition: ≥15jährige können lesen und schreiben): Gesamtbevölkerung: 74,3%, Männer: 83,4%, Frauen: 65,3% (2004)
- HDI Education Index. Rang 98 von 177: 0,772 (1 = max., 0 = keine Bildung, 2007)
In Tunesien ist die Rate des Schulbesuchs sehr hoch: es werden 96 Prozent der Jungen und 97 Prozent der Mädchen eingeschult, 95 Prozent der Jungen und 93 Prozent der Mädchen besuchen regelmäßig die Schule. Diese Anstrengungen der Regierung haben dazu geführt, dass die Analphabetenrate unter den Jugendlichen gering ist: nur 3 Prozent der männlichen und 6 Prozent der weiblichen Tunesier zwischen 15 und 24 Jahren können nicht ausreichend gut lesen und schreiben.
Unternehmensbeispiele
Im Rahmen von PPP-Projekten mit der GTZ und der AHK Tunesien führen deutsche Unternehmen Maßnahmen der beruflichen Aus- und Weiterbildung durch. Für deutsche Unternehmen ergeben sich so Vorteile: Sie positionieren sich als attraktiver Arbeitgeber und können so die besten Nachwuchskräfte anwerben und an das Unternehmen binden.
Van Laack Tunisie
Der Bekleidungshersteller Van Laack mit rund 800 Mitarbeitern bildet seit 2001 in seinem staatlich anerkannten Weiterbildungszentrum Centre Bisertex eigene und fremde Mitarbeiter zu Fachkräften im mittleren Management weiter. Nach der Qualifizierung können die Absolventen in der Fertigung, in der technischen Arbeitsvorbereitung oder der Qualitätssicherung eingesetzt werden. Van Laack startete diese Initiative als Reaktion auf die unzureichende Qualifikation der Techniker vor Ort.
Um das Ausbildungssystem zu verbessern, arbeitet Van Laack in der Lehrlingsausbildung eng mit staatlichen Berufsschulen zusammen und bietet Weiterbildung für Berufschullehrer an. Die Geschäftsführung von Van Laack Tunisie engagiert sich darüber hinaus seit vielen Jahren in verschiedenen Foren und Gremien für die Optimierung der schulischen und betrieblichen Ausbildungspraktiken.
http://tunesien.ahk.de/fileadmin/user_upload/pdf_dateien/
ppp_gtz/ppp_bisertex_de.pdf
Aldiana Tunesien
Für den Ferienclub Aldiana in Nabeul ist die Aus- und Weiterbildung seines Personals der Schlüssel zur Qualitätssicherung und damit zum Erfolg im Wettbewerb. Zur Optimierung des betrieblichen Teils der Lehrlingsausbildung erarbeiteten Hotelmanager, Berufsschulvertreter und Experten Ausbildungspläne für verschiedene Hotelfachberufe. Nach einer Testphase im Aldiana werden die Pläne nun landesweit in der Ausbildung eingesetzt. Besonders wichtig war der kontinuierliche Dialog der Hotels mit den staatlichen Hotelfachschulen über Ausbildungslänge, -inhalte und -praktiken.
http://tunesien.ahk.de/fileadmin/user_upload/pdf_dateien/
ppp_gtz/ppp_aldiana-de.pdf
Elektro Diesel Tunisie / Bosch
Autos funktionieren heute mit aufwändiger Elektronik. Um diese fachgerecht warten und reparieren zu können, ist eine ständige Weiterqualifizierung von Kfz-Fachleuten notwendig. Staatliche Ausbildungszentren können diese Schulungen bislang nicht durchführen, da den Ausbildern das aktuelle Wissen fehlt. In Zusammenarbeit mit Bosch Deutschland wurde daher in Tunis ein modernes Weiterbildungszentrum aufgebaut. Geschult werden dort die Mitarbeiter und Ausbilder der Firma Electro Diesel Tunisie (EDT), dem tunesischen Partner von Bosch Automotive, und Mitarbeiter aus allen Auto-Werkstätten, die in Tunesien Bosch-Teile verwenden. Um eine Breitenwirksamkeit der Maßnahme zu erreichen, ist EDT zudem eine Partnerschaft mit dem staatlichen Ausbildungszentrum für den Kfz-Sektor in Tunis eingegangen.
http://tunesien.ahk.de/fileadmin/user_upload/pdf_dateien/
ppp_gtz/ppp_bosch_de.pdf
Das tunesische Berufsbildungs- und Hochschulsystem ist wenig praxisnah: Die Ausbildung ist verschult und Hochschulabsolventen benötigen meist mehrmonatige Trainee-Programme im Unternehmen, um voll einsatzfähig zu sein. Zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen ist es jedoch wichtig, qualifizierte Mitarbeiter auf Facharbeiter-, Techniker- und Ingenieursebene zu finden. Handlungsbedarf sehen deutsche Unternehmen daher vor allem bei einer praxisnahen Ausbildung, die den Bedürfnissen der Wirtschaft entspricht.
Akteure
Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ)
www.gtz.de/de/weltweit/maghreb-naher-osten/681.htm
Deutsch-Tunesische Industrie- und Handelskammer (AHK Tunesien)
Ansprechpartner für tunesische und deutsche Unternehmen zu Fragen der Aus- und Weiterbildung
www.ahktunis.org
Ministerium für Bildung und Berufsbildung
Regierungsorgan, das die staatlichen Bildungsmaßnahen plant, finanziert und durchführt.
http://www.education.tn/, http://www.edunet.tn/
Gesundheit
Tunesien verfügt über ein recht gut ausgestattetes öffentliches Gesundheitswesen und einen wachsenden Sektor an privaten Angeboten im Gesundheitsbereich. Es gibt 2.068 öffentliche Gesundheitszentren für die grundlegende medizinische Versorgung, 118 regionale Krankenhäuser, 34 Bezirkskrankenhäuser und 22 Universitätskliniken. Diese Einrichtungen sind gleichmäßig im Land verteilt, so dass 95 Prozent der Bevölkerung in maximal 5 Kilometern Entfernung Zugang zu medizinischer Versorgung hat (WHO, 2006). Das Ausbildungsniveau des medizinischen Personals ist hoch und die Ausstattung der öffentlichen Krankenhäuser in den OP- und Diagnosebereichen ist gut. Die Privatkliniken, die sich vor allem um Tunis herum befinden und europäischen Standard bieten, sind nur für wohlhabende Tunesier und ausländische Patienten erschwinglich.
Eckdaten
- Öffentliche Gesundheitsausgaben (Anteil am BIP): 5,1% (2006)
- Medizinische Versorgung: 116 Ärzte pro 100.000 Einwohner (2008)
- Durchschnittliche Lebenserwartung: Gesamtbevölkerung: 75,8 Jahre, Männer: 74 Jahre, Frauen: 77,7 Jahre (2009 est.)
- Säuglingssterblichkeitsrate: Gesamt: 22,6 Todesfälle/1.000 Geburten, Jungen: 24,8 Todesfälle /1.000 Geburten, Mädchen: 20,2 Todesfälle /1.000 Geburten (2009 est.)
- Müttersterblichkeit: 170 Todesfälle/100.000 Geburten (2005)
- Unterernährung von Kindern unter 5 Jahren: 4% (2005)
- HIV/AIDS Verbreitung (>15 Jahre): 0,1 % (2007)
- HIV/AIDS Erkrankte: zwischen 2.700 und 5.400 Erkrankte (2007 est.)
Die meisten angestellten Tunesier und ihre Familien sind krankenversichert, so dass für medizinische Behandlungen die Versicherung aufkommt. Für Menschen unterhalb der Armutsgrenze ist die medizinische Versorgung kostenlos, für sozial schwache Familien gelten reduzierte Preise. Dennoch muss ein Teil der Kosten privat finanziert werden, etwa Medikamente, was für einkommensschwache Familien eine große Belastung bedeutet.
Akteure
Ministry of Public Health
Dem Ministerium unterstehen alle Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens
http://www.santetunisie.rns.tn/msp_eng/identification.html
Die Handlungsfelder für deutsche Unternehmen sind vielfältig. Naheliegend ist der Versicherungsschutz der eigenen Arbeitnehmer. Zudem werden Angebote wie gesundheitliche Aufklärung am Arbeitsplatz, regelmäßige ärztliche Kontrollen der Belegschaft oder Impftermine gerne angenommen. Hier sollte eng mit den bestehenden, gut organisierten Akteuren des Gesundheitswesens kooperiert werden. Zudem können öffentliche Aufklärungskampagnen zu Themen wie Sucht oder HIV/AIDS unterstützt werden.
Politische Mitwirkung
Auf Grund des autoritären Charakters der Regierung ist dringend davon abzuraten, sich in Tunesien öffentlich zu politischen Themen zu äußern oder hier aktiv zu betätigen.
Eckdaten
- Wahlrecht ab 20 Jahren
Tunesien wird seit seiner Unabhängigkeit autoritär regiert. Hinsichtlich Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus bestehen zum Teil erhebliche Defizite. Die Einheitspartei „Rassemblement Constitutionnel Démocratique“ lässt keine echte Opposition zu und dominiert die Rechtsprechung. Politische Aktivität, die von der herrschenden Linie abweicht, wird unterbunden. Die Stabilität des Systems wird durch eine engmaschige Kontrolle aufrecht erhalten. Presse und Internet werden staatlich überwacht und Polizei und Sicherheitsdienste sind allgegenwärtig. Das momentan größte Stabilitätsrisiko stellt ein möglicher Wechsel an der Spitze der tunesischen Regierung dar, denn der seit 1988 amtierende Präsident Ben Ali ist bereits über 70 Jahre alt.
Die Fortschritte Tunesiens in den Bereichen der Armutsbekämpfung, Wirtschaftsentwicklung sowie die Förderung der Mittelschicht durch günstige Kredite tragen dazu bei, dass die große Mehrheit der Tunesier sich in den politischen Rahmen fügt.
Teilhabe
Eckdaten
- Frauenanteil an den Beschäftigten: ca. 30%
- Ethnische Gruppen: Araber 98%, Europäer 1%, sonstige 1%
Tunesien gilt in der Region als Modell für gesellschaftliche Teilhabe von Frauen und Minderheiten. Frauen genießen weitgehend gleiche Rechte und sind im wirtschaftlichen und politischen Leben präsent. Nach Einschätzung deutscher Unternehmer sind Frauen in Tunesien prinzipiell die zuverlässigeren und leistungsfähigeren Mitarbeiter, auch in gehobenen Positionen. Allerdings können familiäre Einflüsse die Karrieren von Frauen abrupt beenden.
Auch gegenüber anderen Religionen und Ethnien sind die Tunesier vergleichsweise tolerant eingestellt. Allerdings bedeutet dies nicht, dass politische Aktivitäten von diesen Gruppen akzeptiert werden. Es existieren außerdem Vereine und Projekte zur Förderung Behinderter oder chronisch Kranker.
Von den rund 9.000 registrierten NGOs in Tunesien sind nach Einschätzung lokaler Menschenrechtsgruppen nur etwa zehn wirklich unabhängig. Kritische Journalisten, Regimegegner und unabhängige Menschenrechtler haben in Tunesien einen sehr schweren Stand.
Akteure
Association des Parents et Amis des Handicapés de Tunisie (APAHT)
Verein der Eltern und Freunde der Behinderten Tunesiens
http://www.elqantara.org/de/dienste/partner/apaht
Association pour la Formation et l'Insertion des Handicapés (AFIH)
Verein für die Ausbildung und Eingliederung von Behinderten
http://www.elqantara.org/de/dienste/partner/afih
Union Tunisienne d'Aide aux Insuffisants Mentaux (UTAIM)
Tunesische Vereinigung zur Unterstützung von Menschen mit geistiger Behinderung
http://www.utaim.planet.tn/ac_fichiers/v3_slide0001.htm
Es gibt zahlreiche regierungsgestützte Organisationen wie die Union Nationale de la Femme Tunisienne. Die Gewerkschaften in Tunesien sind ebenfalls vom Staat kontrolliert und nicht sehr einflussreich.
Eine eher regierungsferne und kritisch überwachte Organisation ist die „Association Tunisienne des Femmes Démocrates“ (ATFD).
Die katholischen und jüdischen Glaubensgemeinschaften sind in Tunesien mit kleinen Gemeinden präsent. Die katholische Diözese hat eine Website. http://www.diocesetunisie.org/francese/pagfr/mainfr.htm
Symposien zu Themen aus Religion, Kultur, Sozialem und Regionalpolitik werden regelmäßig von ausländischen Organisationen wie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kooperation mit inländischen Kammern und Verbänden angeboten. Dadurch wird eine Semi-Öffentlichkeit geschaffen, die beiden Seiten Gelegenheit zur Platzierung von Themen bietet.
Es gibt keine verfasste betriebliche Mitbestimmung, die Arbeitsrechtsprechung ist aber vergleichsweise arbeitnehmerfreundlich und daher sind Konflikte in Unternehmen selten. Insgesamt ist der soziale Frieden in Tunesien recht groß.
Unternehmensbeispiele
Siemens AG
Siemens in Tunesien wird seiner gesellschaftlichen Verantwortung im Land gerecht, indem es verschiedene Initiativen im Gemeinwesen fördert. Ein Beispiel dafür ist die Konferenz „TIC & Handicap“ im Mai 2006 zum Thema Informations- und Kommunikationstechnik für Menschen mit Behinderungen.
http://www.siemens.com/pool/regions/tunesien2001de_230393.pdf
Chancen und Risiken
Die aufgeschlossene tunesische Gesellschaft ermöglicht eine gleichberechtigte Integration von Frauen in das Berufsleben. Auch in Führungspositionen sind Frauen keine Seltenheit. Die Integration von Menschen verschiedener Ethnien oder auch von Behinderten ins Berufsleben stellt in Tunesien kein kritisches Thema dar. Durch diese im regionalen Vergleich große Toleranz bieten sich deutschen Unternehmen Möglichkeiten für Engagement. Allerdings muss darauf geachtet werden, kein politisches Terrain zu betreten.
Umwelt
Umweltschutz in Tunesien wird als zentrales Handlungsfeld von staatlicher Seite vorangetrieben. Vorrangige Themen sind der Ausbau von erneuerbaren Energien, der Schutz der knappen Wasserressourcen, die Vermeidung weiterer Bodenerosion und Versteppung sowie eine effiziente Abfallbeseitigung.
Eckdaten
- Emission CO2: 23,2 Mio. t (2005)
- Emission CO2 pro Kopf: 2,32 t (2005)
- Stromverbrauch: 11,8 Mrd. kWh (2008)
- Wasserverbrauch: Total: 26,4 km3/Jahr; Pro Kopf: 276 m3/Jahr (2000)
- Erneuerbare Energien: 0,6% des Primärenergieverbrauchs (2008)
Deutsche Umwelttechnik genießt in Tunesien ein hohes Ansehen. Bisher ist das Engagement deutscher Unternehmen auf diesem Feld jedoch eher gering. Deutsches Know-how kann in folgenden Bereichen eingesetzt werden:
- Wasser/Abwasserbehandlung (Entsalzungssysteme, Osmosegeräte, Kläranlagen für Haushalts- und Industrieabwässer )
- Abfallbeseitigung (inkl. Sonderabfälle)
- Abgasreinigung (in allen Industriesektoren und insbesondere in der Zementindustrie)
- Energiegewinnung (inkl. erneuerbare Energien, Kraftwärmekopplungsanlagen, Windenergie, Messtechnik, Co-Processing in der Zementindustrie )
- Boden-/Altlastensanierung
- Lärmschutz
- Zertifizierung und Schulungen im Umweltmanagement (UMS nach ISO 14001; Tunesien hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2014 500 Unternehmen nach ISO 14001 zu zertifizieren. Bisher haben erst etwa 50 Firmen dieses Ziel erreicht.)
In Tunesien ansässige deutsche Firmen können mit ihrem vorbildhaften Umweltverhalten werben (schadstoffarme Produktion, ISO 14001, eingesetzte Umwelttechnologie, Recycling, Ressourceneffizienz etc.) und damit gleichzeitig als positives Beispiel für andere Firmen fungieren.
Unternehmensbeispiele
Grüschow Entsorgung & Umwelttechnik GmbH
Die deutsche Firma Grüschow Entsorgung & Umwelttechnik GmbH hat mit Hilfe der DEG und dem lokalen Partner Société Agri-Services eine Sortier- und Kompostierungsanlage für Hausmüll in der Küstenstadt Korba aufgebaut.
http://www.developpp.de/download/ppp_report_19_april_2006.pdf
Henkel
Henkel hat für den tunesischen Markt ein Waschmittel entwickelt, das an die dort üblichen halbautomatischen Waschmaschinen angepasst ist. „Nadhif Semi-Automatic“ vermeidet übermäßige Schaumbildung und lässt sich leicht ausspülen, was Wasser spart.
http://www.henkel.de/nachhaltigkeit/wasch-reinigungsmittel-14143.htm
Durch Sponsoring könnten deutsche Firmen ebenfalls sichtbare Zeichen setzen, beispielsweise durch die Übernahme von Patenschaften für öffentliche Parks oder bei der Unterstützung von Aufforstungsprojekten.
Chancen und Risiken
Tunesien möchte im Umweltbereich führend im Maghreb sein und vertraut dabei auf deutsches Umwelt-Know-how. Firmen müssen sich allerdings auf zähe Verhandlungen und langwierige Verwaltungsabläufe einstellen. Partnerschaften mit lokalen Firmen sind ratsam.
Akteure
Agence de protection et d’aménagement du Littoral (APAL)
APAL ist die Küstenschutzbehörde.
http://www.apal.nat.tn/infoglueDeliverWorking/ViewPaged196.html?siteNodeId=72&languageId=4&contentId=-1
Agence nationale de gestion des déchets (ANGED)
Die nationale Abfallbehörde ANGED ist zuständig für die Planung von Deponien und die Beratung im Zusammenhang mit der Entsorgung von Abfällen.
http://www.anged.nat.tn/home.php
Agence nationale de la maîtrise de l’énergie (ANME)
Die Energieagentur ANME untersteht dem Ministerium für Industrie, Energie und Klein- und Mittelbetriebe.
http://www.anme.nat.tn/index.asp?
Agence nationale de protection de l’environnement (ANPE)
ANPE ist die nationale Umweltschutzbehörde.
http://www.anpe.nat.tn
Centre International des Technologies de l'Environnement de Tunis (CITET)
Das internationale Zentrum für Umwelttechnologien von Tunis ist zuständig für Ausbildung und Beratung im Umweltbereich.
http://www.citet.nat.tn
Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ)
Die GTZ fördert die erneuerbaren Energien und Maßnahmen zur Energieeffizienz. http://www.gtz.de/de/themen/umwelt-infrastruktur/energie/7705.htm
MEDREC
Agentur zur Förderung der erneuerbaren Energien in der Mittelmeerregion.
http://www.medrec.org/en/about_medrec.php
Office national de l’assainissement (ONAS)
Die Abwasserbehörde ONAS ist verantwortlich für die Eindämmung der Wasserverschmutzung und den Schutz der Wasserressourcen.
http://www.onas.nat.tn/fr/index.php
Société Nationale d’Exploitation et de Distribution des Eaux (SONEDE)
Die SONEDE ist der staatliche tunesische Trinkwasserversorger.
http://www.sonede.com.tn
Umweltministerium
http://www.environnement.nat.tn/index.html
Daten & Fakten
Weiterführende Links
- Bertelsmann Transformation Index, Tunesien
- Corruption Perception Index, Tunesien
- Deutsch-Tunesische Gesellschaft
- Deutsch-Tunesische Industrie- und Handelskammer
- Deutsche Botschaft, Tunis
- GTZ in Tunesien
- Human Development Index, Tunesien
- Industrieverband UTICA (Union Tunisienne de l'Industrie, du Commerce et de l'Artisanat)
- Länderbüro UNDP, Tunesien
- Länderinformationen der KfW, Tunesien
- Tunesien, Länderinformationen des Auswärtigen Amts Berlin
